Aus dem Bericht der MZ vom 20.08.2015
Bilder: Metzger (1), Dannenberg

Symbolträchtige Allianz in der Stadt

KIRCHE Dr. Friedrich Fuchs, Kunstexperte der Diözese, untersuchte die Neustädter Kirchen und förderte viele Überraschungen zutage.

Von Jochen Dannenberg
 
NEUSTADT. Kirchen prägen die Landschaft und ihre Orte. Das gilt auch für Neustadt. Doch die Kirchen sind mehr als bloß erhabene Bauwerke, von deren Türmen man eine wunderbare Aussicht hat. Sie bieten selbst auch meist Besonderheiten, die man erst beim genauen Hinsehen entdeckt. Dr. Friedrich Fuchs, Kunsthistoriker und Bauforscher und in der Diözese Regensburg zuständig für die Inventarisierung kirchlicher Kunst hat die Besonderheiten der Neustädter Kirchen aufgespürt. Selbst für Insider bieten sein Erkenntnisse, die er jetzt öffentlich machte, viel Neues.
Neustadt, 1273 gegründet, in alten Aufzeichnungen auch als „Nova Civitas“ bezeichnet, was darauf hindeutet, dass es hier schon vor dem legendären Gründungsdatum eine Siedlung gegeben hat, verfügt über einen quadratischen Grundriss. In Nord-Süd-Richtung wird die Kommune von der Hauptstraße, der heutigen Herzog-Ludwig-Straße geteilt, in der Mitte dieser Straße befinden sich das Rathaus, die Pfarrkirche St. Laurentius und die wesentlich kleinere Kirche St. Anna. „In älteren Quellen wird von St. Nikolaus gesprochen“, stellte Dr. Fuchs fest. Der Name ist bis heute für die Kapelle auf dem alten Friedhof gebräuchlich, wurde einst aber auch für die Kirche in der Stadtmitte verwendet. „Erst seit 1460 ist hier der Heilige Laurentius der Hausherr.“ Nanu, möglicherweise war der Umgang mit den Heiligen in früheren Jahrhunderten etwas ungezwungen.

Modische Einflüsse

Das Gebäude selbst unterlag auch einem Wandel – nicht nur aufgrund der weitgehenden Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Der alte Turm, so Dr. Fuchs weiter, war eine Mode der Barockzeit. Der alte Kirchturm war kurzerhand um den Zwiebelturm aufgestockt worden. Die Inneneinrichtung des Gotteshauses wechselte ebenfalls. Noch Ende des 19. Jahrhunderts gab es barocke Kirchenbänke. In der unmittelbaren Nachkriegszeit folgte aufgrund der weitgehenden Zerstörungen und des Wiederaufbaus der Pfarrkirche St. Laurentius ein „Modernisierungsschub“. Das alte Inventar war bis auf wenige Stücke verbrannt. Die Kirche bekam einen neuen Hochaltar und eine Kanzel für den Pfarrer, doch „nicht für die Ewigkeit“.
Vor wenigen Jahren wurde St. Laurentius unter Leitung von Professor Franz Bernhard Weißhaar abermals einem „Relaunch“ unterzogen. Unter anderem wurde die Kanzel abgebrochen, ein Altar aus Blockmarmor angeschafft und der „Wesenzug einer spätgotischen Stadtkirche“ betont. „Deshalb“, so der Kunstexperte aus Regensburg, „sieht es in der Kirche so aus, als würde man – auf dem Weg von der Orgel zum Altar – eine heilige Straße entlanggehen.“ Über dem Besucher erhebe sich das Gewölbe der Kirche wie die Kronen mächtiger Bäume. „Das ist freilich nichts anderes als das Himmelsgewölbe.“ Einst war es sogar mit Zweigen und Blättern verziert, ein Teil dieser Arbeiten wurde bei der Sanierung freigelegt und erhalten.
In dem „Geäst“ entdeckt man Köpfe. „Es handelt sich um Neustädter Bürger“, ist Dr. Fuchs überzeugt, der zugleich darauf hinwies, dass man in den Gesichtern keine konkreten Personen erkennen könne. Vielmehr gehe es darum, „dass die Bürger ihre Kirche auf ihren Schultern tragen“. Nicht nur einen Blick lohnt auch die Sakristei. Dort befindet sich ein Gemälde, das den Hl. Nepomuk auf der Fahrt in den Himmel zeigt. Hinter dem Heiligen befindet sich ein Engel, der mit dem Finger auf seinen Mund zeigt. Daneben steht ein großes Ei, das mit einem Lederband verschnürt ist. Für Dr. Fuchs ist dieses Werk ein Beispiel für „versteckte Botschaften“ in Bildern. Der Hl. Nepomuk stehe für Verschwiegenheit, erklärte der Kunsthistoriker, und die gelte über das irdische Leben hinaus.

Schätze in der Kirche

In Kirchen befinden sich oft auch Schätze, die nicht ständig sichtbar sind. So verfügt man in St. Laurentius u.a. über einen Messkelch aus vergoldetem Silber, der 1728 in Augsburg angefertigt wurde. Bei ihm handelt es sich um die Stiftung eines Neustädter Weinhändlers. „Der Kelch hat damals den Wert eines heutigen Mittelklasseautos gehabt“, erläuterte Dr. Fuchs. Kurios sind einst die Grabsteine gewesen. So zeigt eine Tafel, die in St. Laurentius nahe dem Altar in die Wand eingelassen wurde, einen Reiter hoch zu Roß mit Peitsche vor einer Kutsche.

Die Kapelle St. Anna, an der Ostseite des Rathauses, scheint den Experten aus Regensburg regelrecht begeistert zu haben. Die Deckengemälde seien „unglaublich verschlüsselt“, schwärmte er bei seinem Vortrag „und auf das Rathaus hingemünzt“.
So werden Ratsherren und Bürgermeister mit den Bildern an ihre Verantwortung gegenüber der Stadt und ihren Bürgern ermahnt. Edel und großmütig, heißt es auf einem Bild, sollen die Bürgermeister und Ratsherren sein. Ein anderes Bild ist eine Parabel: Es zeigt ein Schiff, das mit viel Geld beladen ist. So geht es einer Stadt, die gut regiert wird. Der Fachmann aus der Domstadt stellte in Anbetracht dieser Nähe von Kirchen und Rathaus fest: „Kirche, Rathaus und Kapelle sind eine symbolträchtige Allianz in der Mitte des Ortes.“ Sichtbares Zeichen dieser Nähe ist auch die Tür, die von der Kapelle direkt ins Rathaus führt.
Die Mauerner Kirche „Unsere liebe Frau“, um 1200 entstanden, hatte einst ihre „Fans“ weit über Bayern hinaus. Sogar aus Wien kamen die Gläubigen noch im frühen 17. Jahrhundert, um vor einem Vesperbild der Mutter Gottes zu beten. Dasselbe Jahrhundert war jedoch nicht immer friedlich. 1631, der Dreißigjährige Krieg verwüstete Europa, wurde der Mauerner Kaplan von einem schwedischen Soldaten erstochen. „Das waren wilde Zeiten“, meinte dazu Dr. Fuchs.

An die Tür genagelt

Ein anderer Soldat büßte an der Mauerner Kirche sein Leben. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der französische General Henry Lambert von einer Kanonenkugel getroffen. Ein handtellergroßes Stück der Kugel erinnert daran.
Damit nicht noch mehr Leute zu Schaden kamen, verfügte die Kirche in ihrem Turm über einen Raum, in dem sich die Bürger vor heranstürmenden Truppen in Sicherheit bringen konnten. Kommentar von Dr. Fuchs: „So einen hölzernen Rückzugsraum habe ich bisher überhaupt noch nicht gehabt.“
Besonderheiten finden sich auch in der Eichreiskapelle im Neustädter Ortsteil Wöhr. Dort gibt es nicht nur die Figur „Jesus‘ Rast am Kreuzweg“, eine Gips-Kopie, dessen Orginal in der St. Anna-Kapelle steht. An der Rückseite der Eingangstür zur Eichreiskapelle ist ein altes Christus-Bild genagelt. Dr. Fuchs geht davon aus, dass dieses gotische Christus-Bild bereits 500 Jahre alt ist. Vermutlich befand es sich früher in der Pfarrkirche. „Eine echte Überraschung.“

ES GEHT UM KIRCHEN

> Dr. Friedrich Fuchs ist in der Diözese für die Inventarisierung kirchlicher Kunst zuständig. Dabei handelt es sich um einen Auftrag, den er bereits seit 20 Jahren hat. Ob er ihn je vollenden wird? In der Diözese gibt es 2500 Kirchen.
> Zur Inventarisierung gehört die wissenschaftliche Erforschung der Kirchen. Das beinhaltet neben der Bestandserfassung die Bewusstseinsbildung in den Pfarreien für die sachgerechte Pflege und die Erhaltung der Kunstwerke.


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