Ein göttlicher Abend im Steinbruch
Einmal im Jahr rückt das kleine Dorf Marching in den Mittelpunkt des kulturellen Interesses der Region. Dann findet im Neustädter Ortsteil die Serenade statt.

VON JOCHEN DANNENBERG, MZ

NEUSTADT/MARCHING. Die Musiker des Kammerorchesters St. Laurentius haben auf der Bühne im Marchinger Steinbruch Platz genommen. Ihre Instrumente sind ausgepackt. Die beiden Bassisten lehnen am Bühnen- geländer und halten ihre Instrumente. Cellisten plaudern miteinander. Einige Musiker spielen auf ihren Klarinetten, andere streichen noch einmal mit den Bögen über die Seiten ihrer Violinen. Es herrscht ein entspanntes Durch- einander auf der Bühne. Die Musiker stimmen sich auf ihr Konzert ein. In einer Stunde soll die Serenade im Marchinger Steinbruch beginnen. Das Kammerorchester der Pfarrei Laurentius unter Leitung von Reinhold Furtmeier bereitet sich auf den Auftritt vor, der in jedem Jahr einen der Höhepunkte im kulturellen Leben des Landkreises Kelheim darstellt. Zum siebten Mal findet das Klassik Open-Air statt. Heuer wird sich zeigen, wie groß das Interesse tatsächlich ist. Am selben Wochenende finden nämlich allein in Neustadt, wozu das Dorf Marching gehört, noch ein Vereinsjubiläum, ein Dorffest und die Einweihung einer großen Sportanlage statt.
Reinhold Furtmeier ist die Konkurrenz nicht anzumerken. Er strahlt. Noch eine halbe Stunde vor Konzertbeginn, die Sonne versinkt hinterm Horizont, läuft er in Jeans und T-Shirt durch das Gelände. Die ersten Besucher sind längst eingetroffen. Viele tragen eine durchaus festliche Garderobe. Manche schleppen dicke Decken zum Schutz gegen die später erwartete Kälte mit. Noch mehr bringen Sitzkissen heran. Es wird Sekt und Wein getrunken. Monsignore Johannes Hofmann, Leiter der Pfarrei St. Laurentius und an diesem Abend Hausherr im Steinbruch, begrüßt die Besucher freudig per Handschlag.
Auf dem Programm stehen Werke von Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert und Edward Grieg. Damit wird ein weiter Bogen vom Barock bis zur Romantik geschlagen. Dirigent Reinhold Furtmeier hat Stücke ausgewählt, die alles andere als populistisch sind. So bringt er von Mozart weder Sätze aus der „Zauberflöte“ oder der „Spatzenmese“, sondern das Konzert für Klarinette und Orchester in A-Dur (KV 622). Und bei Edward Grieg ist es nicht die bekannte Peer-Gynt-Suite, sondern der weniger bekannte „Huldigungs- marsch“ aus der Musik zu dem Schauspiel „Sigurd Jorsalfar“.

Das Kammerorchester hat gerade mit dem Konzert begonnen. Noch erhellt das Tageslicht das Geschehen im Steinbruch.
Später am Abend, wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, werden Fackeln angezündet.
         Fotos: Dannenberg

UMFANGREICHE AUSBILDUNG
 > Edgar Templer wurde 1962 in Ingolstadt geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte er ein Klarinettenstudium am Richard- Strauss-Konservatorium München.
 > Nach dem Wehrdienst beim Luftwaffenmusikkorps I in Neubiberg unternahmTempler weiterführende Studien bei Karl-Heinz Hahn, dem Soloklarinettisten der Münchner Philharmoniker. Es folgte unter anderem die Teilnahme an einem internationalen Meisterkurs.
> Später wurde Templer Lehrbeauftragter für Klarinette an der Katholischen Universität Eichstätt. Derzeit unterrich- tet Templer bei der Stadtkapelle Neuburg und als freiberuflicher Instrumentallehrer.

Vögel zwitschern
Pünktlich um 21 Uhr beginnt das Konzert. Das zarte Spiel der Streicher eröffnet die Suite aus Händels Oper „Rinalno“. Das Zwitschern der Vögel verstummt. Schein- werfer beleuchten die Felswände. Deutlich sind die Spuren des jahrzehntelangen Abbaus des Steins zu erkennen. Auf den Kanten, die der Steinabbau hinterlassen hat, wachsen – Jahrzehnte nach dem Ende des Abbaus – Birken und Sträucher. Über 400 Besucher sind da. Unter ihnen Bürgermeister, Stadträte, die Landtagsabge- ordnete, außerdem Würdenträger und Honoratioren. Die Besucherzahl überrascht auch die Mitglieder der Pfarrei. Das Klassik Open Air scheint seine Fans gefunden zu haben. Dabei war der Kartenvorverkauf in diesem Jahr schleppend verlaufen, woran nicht nur die Konkurrenz der Veranstaltungen schuld gewesen sein dürfte. Das Wetter war in den Tagen vor dem Konzert äußerst wechselhaft. Noch am Samstag sei er deshalb von vielen Bürgern angerufen werden, sagt Monsignore Hofmann. Deren Frage sei immer dieselbe gewesen: „Findet das Konzert nun draußen oder im Bürgersaal statt?“ Hofmann: „Selten zuvor bin ich so oft an einem Tag angerufen worden.“
Das Orchester hat inzwischen Händels „Rinaldo“ beendet und beginnt mit dem ersten Satz aus Mozarts Konzert für Klarinette und Orchester. Das Orchester setzt ein, erst in Takt 57 des Allegros kommt die Klarinette hinzu. Es ist der Auftritt von Edgar Templer, dem Solisten des Abends. Sein Spiel steht in wundersamen Kontrast zur Umgebung. Hier der filigrane Gesang der Klarinette, da der tumbe, schwere und schroffe Stein. Musik und Stein, Kunst und Natur treffen aufeinander. Und die Kunst siegt. Das Spiel der Klarinette ist weit über die Felswände hinaus zu hören.
Mozarts Werk – eines der letzten, die der Meister vollendet hat – wird ein erster Höhepunkt an diesem Abend. Die Besucher erleben, wie modern seine Musik auch 200 Jahre nach ihrer Komposition noch ist. Der zweite Satz dieses Konzerts gehört zu Mozarts bekanntesten Stücken und ist auch als Filmmusik in „Out of Africa“ verwendet worden. Die Musikfreunde sind zur Pause begeistert. „Der zweite Satz des Mozartkonzerts war wunderbar“, schwärmt Günter Schweiger aus Schwaig. „Ein zauberhafter Abend. Kein Vergleich zu einer Aufführung in einem Konzertsaal“, schwärmt Viola Lankenfeld aus Neustadt. Und Dr. Martin Kramel aus Bad Gögging meint: „Die Serenade im Steinbruch ist für mich ein kulturelles Highlight, das fest im Jahreskalender eingetragen ist.“ Die 14-jährige Rica, die seit ihren Kindergartenzeiten Klavier spielt, sagt: „Die ganze Atmosphäre ist entspannend. Das kann einem kein Konzertsaal bieten. Das hat etwas einzigartiges.“
Inzwischen bricht die Dunkelheit über den Steinbruch herein. Fackeln werden entzündet. Das Blätterkleid der Bäume, die hoch oben über den Sitzreihen der Besucher auf den Felskanten stehen, reflektieren das Licht der Scheinwerfer. Hoch ragt der alte Kran über dem Festplatz empor. Stahlseile sichern ihn nach allen Seiten. Sie ergeben ein imaginäres Zelt, durch das man an diesem Abend sogar die Sterne sehen kann. Es ist frisch geworden. Einige Besucher ziehen dicke Jacken über, andere hüllen sich in die mitgebrachten Decken.

Fackeln flackern 
Schuberts „Unvollendete“, die Sinfonie Nr. 8, steht an. Da tritt Monsignore Hofmann noch einmal vor das Publikum. „Was ist schon vollendet, was unvollendet, wenn man gute Musik in der Natur erleben darf und nette Menschen an seiner Seite hat“, ruft er den Gästen zu. Die Antwort wartet er nicht ab. Er gibt sie selbst. „Dann“, sagt er, „ist Gott da.“ Und mit Schubert bekommen die Gäste des Konzerts zugleich einen tragischen Helden. Der litt zeitlebens darunter, dass er glaubte, er werde zwar für seine Lieder geschätzt, werde aber nicht als ernster Komponist akzeptiert. Als er dann zu seiner großen Sinfonie ansetzte, wurde es die „Unvollendete“.
Das Konzert, am Abend begonnen, geht auf Mitternacht zu. Das Orchester spielt Griegs „Huldigungsmarsch“. Niemand ist trotz der niedrigen Temperaturen gegangen. Noch immer lauscht das Publikum gebannt den Musikern.Wer in den hinteren Reihen sitzt, wer genau zuhört, erlebt, wie sich die Musik durch die Weite des Steinbruchs ergießt. Derweil flackern die Fackeln vor den Felswänden und entwickeln bizarre Bilder. Kongenial ergänzen sie die Dramatik der Musik.

Bayreuth im kleinen
Die Serenade im Steinbruch ist mehr als ein Konzert. Sie lebt von der Atmosphäre des alten Steinbruchs und dem Spiel mit dem Licht. Die Serenade ist Bayreuth im kleinen. Wie bei den berühmten Festspielen muss der Besucher hoch auf den Hügel, will er denn die Musik erleben. Zum Erlebnis gehört jedoch anders als in Bayreuth auch die Natur, nicht dagegen das „Sitzfleisch“, das Wagnerianern abverlangt wird. Und: In Marching gehört ein gewisses Risiko dazu. Wenn‘s regnet, muss die ganze Festgesellschaft in den Neustädter Bürgersaal umziehen, wovon die Besucher in diesem Jahr jedoch verschont blieben. Nach dem Konzert, einer Zugabe und einem langen Applaus geht es für die meisten Musikfreunde schnell heimwärts. Sie eilen zu dem improvisierten Parkplatz am Eingang des Steinbruchs, wo sonst nur Lastwagen halten, um in ihre Autos zu steigen. Ein kleiner Teil der Besucher kehrt im Pavillon des  Steinbruchbesitzers ein. Der kredenzt in dieser Nacht fränkischen Wein. Schließlich verlassen auch die letzten Gäste das Festgelände. 
Die Natur ist wieder mit sich allein. 
Monsignore Johannes Hofmann  war guter Laue.
Er freute 
sich über viele Besucher.

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